Part 15 (1/2)
Einen Falken sah sie fliegen: ”Wie glucklich, Falke, du doch bist!
Du fliegst, wohin dir's lieb ist.
Du erwahlest in dem Walde Einen Baum dir nach Gefallen.
Also hab' auch ich getan: Ich selbst erwahlte mir den Mann, Der wohlgefiel den Augen; Das neiden andre Frauen.
Ach, liessen sie mir doch mein Lieb, Da mich zu ihren Trauten nie Verlangen trieb!”
+9+
+Dietmar von Eist: Tagelied.+
”Schlafst du, holder Liebling du?
Man weckt uns, ach, nach kurzer Ruh': Schon hort' ich, wie mit schonem Sang Ein Voglein auf der Linde Zweig sich schw.a.n.g.”
”Von Schlafes Hulle sanft bedeckt, Werd' ich durch dein 'Wach auf!' geschreckt: So folgt auf Liebes stets das Leid; Doch, was du auch befiehlst, ich bin bereit.”
Aus ihrem aug' die Trane rann: ”Du gehst, verla.s.sen bin ich dann.
Wann kehrst du wieder her zu mir?
Ach, meine Freude fuhrst du fort mit dir.”
+10+
+Heinrich von Veldeke: Vogelsang.+
So in den Aprillen Die Blumen entspringen, Sich lauben die Linden Und grunen die Buchen, So mogen nach Willen Die Vogelein singen.
Denn Minne sie finden, Allda sie sie suchen, Bei ihrem Genoss. Ihr Frohsinn ist gross; Des nie mich verdross.
Denn sie schwiegen all den Winter stille.
Da sie an dem Reise Die Blumen sahn prangen Und Blatter entspringen, Da horte man schone Oft wechselnde Weise, Wie vordem sie sangen.
Sie hoben ihr Singen Mit lautem Getone Niedrig und hoch. Mein Sinn steht also: Bin heiter und froh.
Recht ist's, da.s.s ich laut mein Gluck preise.
+11+
+Reinmar der Alte: Glucksverkundigung.+
Froh bin ich der Mare, Die ich hab' vernommen, Da.s.s des Winters Schwere Will zu Ende kommen.
Kaum erwart' ich noch die Zeit, Denn ich hatte nichts als Leid, Seit die Welt rings war verschneit.
Ha.s.sen wird mich keiner, Wenn ich frohlich bin; Weiss Gott! tat' es einer, War's verkehrter Sinn.
Niemand ich ja schaden kann.
Wenn _sie_ Gutes mir tut an, Was geht's einen andern an?
Sollt' ich meine Liebe Bergen und verhehln, Musst' ich ja zum Diebe Werden und gar stehln.